Nach über drei Jahren ohne einen Premierminister stellt die Ernennung von Dr. Kamal Idris in diese zentrale Position im Sudan einen lang erwarteten Wendepunkt dar. Für manche weckt sie neue Hoffnung, bei anderen hingegen Besorgnis. Der international erfahrene und für seine Kompetenz bekannte Idris steht vor einer äußerst komplexen Aufgabe in einem von Krieg, politischer Spaltung und wirtschaftlichem Verfall erschöpften Land.
Idris hatte zuvor hochrangige Ämter inne, darunter die Leitung der Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO) sowie internationale Schiedsrichterfunktionen. 2010 kandidierte er als unabhängiger Kandidat gegen den später abgesetzten Präsidenten Omar al-Baschir. Seine diplomatische Erfahrung und sein internationales Ansehen lassen viele hoffen, dass er das Bild des Sudan im Ausland verbessern und die Brücken zur internationalen Gemeinschaft wieder aufbauen kann. Beobachter sehen die Außenpolitik als das zentrale Feld, auf dem Idris echte Durchbrüche erzielen könnte – vorausgesetzt, er überwindet die sogenannten „inneren Antikörper“, also Kräfte im Inland, die sich gegen eine effektive internationale Öffnung stellen, weil sie den Verlust ihres Einflusses befürchten.
Doch seine Aufgabe geht über die Außenbeziehungen hinaus. Der erfahrene Diplomat steht vor einer noch dringlicheren Herausforderung: der psychologischen und wirtschaftlichen Rehabilitation der vom Krieg geschwächten sudanesischen Bevölkerung. Er soll nicht nur politische und wirtschaftliche Dossiers bearbeiten, sondern auch als vereinigendes Symbol und vertrauenswürdige Figur in einer Phase dienen, die höchste Ausdauer und Entschlossenheit verlangt.
Im Inneren steht Idris einem verdeckten Widerstand bestimmter politischer und militärischer Kräfte gegenüber. Beobachter berichten, dass einige Akteure gezielt sein Scheitern herbeiführen wollen, um zu zeigen, dass ein ziviler Premierminister nicht handlungsfähig sei. Die starke politische Polarisierung sowie Versuche von Kriegsprofiteuren, seine Verhandlungsbemühungen zu behindern, stellen existenzielle Herausforderungen für seinen Erfolg dar.
Sudanesische Politiker sind der Ansicht, Idris müsse zügig eine kleine Technokratenregierung bilden, die ein klares nationales Programm verfolgt, mit der Wiederherstellung grundlegender Dienstleistungen beginnt, für Sicherheit sorgt und die nationale Einheit wahrt.
Auf außenpolitischer Ebene gehören die Wiederherstellung der sudanesischen Rolle auf internationalen Bühnen und die Mobilisierung finanzieller Unterstützung für den Wiederaufbau zu Idris’ dringendsten Prioritäten. Ebenso steht die Regulierung der ausländischen Präsenz im Land auf der Agenda – eine Präsenz, die laut Berichten zu einer Bedrohung der nationalen Sicherheit geworden ist.
Während manche meinen, es sei zu früh, um über Idris’ Erfolgsaussichten zu urteilen, verschaffen ihm seine Nähe zu internationalen Entscheidungsträgern und seine regionalen Netzwerke eine seltene Chance, den Sudan wieder auf die internationale Landkarte zu bringen – vorausgesetzt, er erhält klare Unterstützung vom Souveränen Rat und genug Handlungsspielraum.
Der Erfolg von Kamal Idris wird nicht allein von seiner Person abhängen, sondern auch von der Fähigkeit militärischer und ziviler Institutionen, in dieser kritischen Phase konstruktiv mit ihm zusammenzuarbeiten – jenseits von eigennützigen Kalkülen. Während sich die Blicke auf Berlin, Addis Abeba und New York richten, bleibt die eigentliche Bewährungsprobe in Khartum selbst: Wird es der Regierung Idris gelingen, die Prioritäten des Staates gegenüber denen der rivalisierenden Kräfte durchzusetzen?





